DAS HAUS DER 28 TÜREN

 

 

24. Juli – 10. August 2014

 

Die Installation der Berlin-Dresdner Künstlergruppe BEWEGUNG NURR (Florian Göpfert/ Alekos Hofstetter/ Christian Steuer) setzt sich mit der Situation von Flüchtlingen und Migrant/innen auseinander, die auf der Suche nach einem menschenwürdigen Leben oftmals unter schwierigsten Umständen und Entbehrungen nach Europa gelangen – im konkreten Fall nach Deutschland und Berlin. Es ist allen Menschen gewidmet, die durch die Zerstörung der Lebensgrundlagen in ihrer Heimat, durch Kriege, Umweltkatastrophen sowie ungerechte Wirtschafts- und Handelsbedingungen zu Flüchtlingen geworden sind. Viele finden an den Außengrenzen der Europäischen Union den Tod; andere erreichen europäisches Territorium, finden sich jedoch im Perpetuum eines Provisoriums gefangen; nur wenige erhalten die Chance zu einem Neuanfang.

Die schrecklichen Ereignisse Anfang Oktober 2013, als vor der Insel Lampedusa ein weiteres Mal hunderte Flüchtlinge beim Untergang ihres Bootes den Tod fanden und die Überlebenden nur unzureichende Unterstützung und Solidarität von Seiten der Europäischen Union erfuhren, zeugen von der Notwendigkeit eines radikalen Umdenkens in der deutschen und EU-weiten Asylpolitik. Mit ihrem Marsch nach Berlin und dem Protest am Oranienplatz haben Flüchtlinge ihrer Forderung für menschenwürdige Lebensverhältnisse für Asylsuchende hier in Deutschland eine neue Form gegeben und eine breitere Öffentlichkeit erreicht.

 

 

Foto: Robert Sokol
Foto: Robert Sokol

Architektur des Kunstwerks

 

Die multifunktionale Architektur ist als Kommunikationsraum und Bühne konzipiert: Die Installation besteht aus 28 aneinandergereihten Türen, die die derzeit 28 EU-Länder symbolisieren und einen großen Innenraum verschließen. Von außen hermetisch scheinend, öffnet sich die Architektur von innen durch eine transparente Dachkonstruktion zum Himmel. Sowohl von innen wie von aussen ist die, an einem sich im Mittelpunkt des Raumes befindenden Fahnenmast, gehisste schwarze Europaflagge hoch über dem Gebäude wahrnehmbar. Die Architektur des Rundbaus verbildlicht die Differenz zwischen innen und außen, zwischen der Europäischen Union und der Welt jenseits ihrer Grenzen, zwischen gelungener und gescheiterter Flucht.

Videoinstallation im Innenraum

 

Im Innenraum des HAUSES DER 28 TÜREN, um den Fahnenmast gruppiert, befinden sich drei Monitore auf denen drei Videos zu sehen sind. Nzar Saleh, Bruno Watara, Sista Mimi erzählen die Geschichten ihrer Flucht. Alle drei Videos sind Ausdruck der persönlichen Migrationserfahrungen, setzen jedoch verschiedene Schwerunkte: Nzar Saleh spricht über seine Flucht, welche ihn vom Sudan über Libyen und Italien schließlich nach Deutschland führte. Bruno Watara erzählt uns von seiner sieben Jahre währenden Internierung in einem deutschen Flüchtlingsheim. Und Sista Mimi (t) berichtet von ihrer Situation als Flüchtling in Berlin, hierbei vor allem vom Gefühl des Nicht-Angekommenseins.

 

Die Videoinstallation verknüpft die individuelle Erinnerung der Flüchtlinge mit der Frage, welche Rolle das andauernde Flüchtlingsdrama im kollektiven Gedächtnis der Europäer spielt. Dies ist ein problematischer Zusammenhang, denn die Politik kann durch den Entzug der Zugriffsrechte auf bestimmte Informationen nicht nur in Medien gebanntes Vergangenheitswissen umdeuten, sie kann die Gesellschaft auch zum völligen Vergessen dieses Wissens veranlassen. Dies passiert in den Medien immer wieder dadurch, dass Flüchtlinge nur als eine Masse von Menschen in Bewegung dargestellt werden und in Folge dessen dann von "Flut", "Welle" oder "Ansturm" die Rede ist. Und in dieser Wortwahl ist bereits die mediale Forderung der "Flüchtlingsabwehr" eingeschrieben.

 

 

Foto: R. Sokol
Foto: R. Sokol

Ausstellung im Studio 1 des Kunstquartier


Im Rahmen der Auftaktveranstaltung des Projekts wurde eine Ausstellung der Künstlergruppe BEWEGUNG NURR am 24.7.2014 im Studio 1 des Kunstquartier Bethanien realisiert.

Es wurden neben "European Black Flag", 2014 einer Installation bestehend aus einer Animation der schwarzen Europaflagge im Wind, zahllosen schwarzen Luftballons und den zwei großformatigen Drucken "Immer die gleichen Bilder", das Video TALOS, 2014 gezeigt. Im Rahmen eines begleitenden Podiumsgespräch wurde über die Möglichkeit von Kunst als Medium politischer Intervention, die Gefahr der Instrumentalisierung politischer Kunst sowie Strategien, die dieser entgegenwirken können, diskutiert.


Projektverlauf


An nahezu allen Tagen während der Laufzeit des Projektes auf dem Tempelhofer Feld fanden in dem  HAUS DER 28 TÜREN Veranstaltungen wie Diskussionen, Präsentationen sowie Theater-, Film- und Musikaufführungen statt. Beteiligt waren u.a. Aktivisten der besetzten Gerhart-Hauptmann-Schule, Berlin, des Impulse – Refugee Clubs Berlin und des voix des migrants-Blogs sowie Mitglieder der Organisationen von Reporter ohne Grenzen, der Informationsstelle Militarisierung, Ärzte ohne Grenzen, des Netzwerks welcome2europe, Amnesty International und bordermonitoring.eu. In unterschiedlichen Schwerpunkten wurden die Europäische Flüchtlingspolitik und die Situation der Menschen thematisiert, die ihre Flucht an die EU-Außengrenzen, nach Deutschland oder in andere Länder der Europäischen Union geführt hat.

 

Nach dem 11. August 2014 begannen Berliner Aktivisten mit den Arbeiten am Wiederaufbau des Hauses der 28 Türen auf dem Berliner Oranienplatz, einem inzwischen bekannten Ort des Widerstands von Flüchtlingen gegen die repressive deutsche und europäischen Asylpolitik. Nun ersetzt dort das Haus der 28 Türen das Infozelt, welches Ende Juni 2014 von unbekannten Tätern abgebrannt wurde, und wird auf diese Weise weiterhin genutzt als Veranstaltungs- und Informationsraum

 

BEWEGUNG NURR, "European Black Flag", 2014, Installation, Auftaktveranstaltung DAS HAUS DER 28 TÜREN , Studio 1/ Kunstquartier Bethanien (Foto: R.Sokol)
BEWEGUNG NURR, "European Black Flag", 2014, Installation, Auftaktveranstaltung DAS HAUS DER 28 TÜREN , Studio 1/ Kunstquartier Bethanien (Foto: R.Sokol)