Bruno Watara

REDE ZUR ERÖFFNUNG DES HAUSES DER 28 TÜREN

 

Heute möchte ich an die Kinder, Frauen und Männer  erinnern, die ihre Familien auf der Suche nach einem besseren Leben verlassen und die Flucht nach Europa gewagt haben. Die meisten von Ihnen werden ihre Familien niemals wiedersehen, so wie die Familien ihre Angehörigen niemals wiedersehen werden.

Mehr als 26.000 Flüchtlinge haben ihr Leben auf dem Seeweg allein in den letzten Jahren verloren. Wie viele Menschen in der Wüste 'verschwunden' sind, vermag selbst Frontex nicht zu sagen.

 

Die, die bis hierher gekommen sind und Asyl einfordern, werden systematisch ausgegrenzt und  oft an entlegenen Orten, auch irgendwo im Wald kaserniert.

Einer davon war ich. Neun Jahre meines Lebens habe ich im sogenannten „Dschungel-Heim“ verbracht. „Dschungel-Heim“ deshalb, weil dieses Flüchtlingslager sich tief in einem Wald in Mecklenburg-Vorpommern befand, acht Kilometer vom nächst größeren Ort entfernt. Anderen wurde auf der Flucht das Leben genommen, mir wurden in diesem Lager neun Jahre meines Lebens genommen. Viele von uns lebten dort zehn, fünfzehn, manche sogar zwanzig Jahre. Flüchtlinge starben dort, isoliert von jeglichem menschlichen Kontakt, ohne dass ihre Familien je davon erfuhren.

Die Bewohner_innen der Heime dürfen ihren Kreis, ihre Region nicht verlassen, dürfen nicht arbeiten, dürfen selbst die Landessprache nicht lernen. Ihr einziges Verbrechen ist es, einen Asylantrag gestellt zu haben. Das Ersuchen um Asyl scheint von den Behörden mit einem kriminellen Akt gleichgesetzt zu werden. Die, die ihn stellen, verlieren dadurch oft jeglichen Kontakt zu ihren Familien. Sie können diese weder unterstützen, noch ihren möglicherweise kranken Kindern, Müttern und Vätern helfen. Es ist nicht nur das Leben in der Isolation des Lagers, das die Flüchtlinge krank macht. Es sind besonders die vielen Jahre ohne familiäre Kontakte, die körperlich wie psychisch krank machen.

Uns fehlen Vermögen und Geld. Unser alleiniger Reichtum ist die familiäre Solidarität. So leiden auch die Familien, die in der Heimat zurückgeblieben sind. Die am stärksten Betroffenen sind die Kinder, Frauen und Männer, die nicht wissen, ob ihre Angehörigen, die das Meer überqueren wollten, überlebt haben. Ich hatte vor kurzem durch das „Afrique-Europe-Interact“ Netzwerk in Mali und Togo die Gelegenheit, mit betroffenen Familien vor Ort zu sprechen. Sie betonten, wie wichtig es ist, Gewissheit zu haben, was mit ihren Angehörigen geschehen ist: ob sie noch leben oder auf dem Weg nach Europa umgekommen sind. Auch die Deportation von Europa zurück nach Afrika hat für die Geflüchteten meist schlimme Folgen. Die Betroffenen, mit denen ich Kontakt aufnehmen konnte, waren meistens körperlich und psychisch am Ende.


Foto: R. Sokol
Foto: R. Sokol

Im Mai 2005 begann Frontex in Abwehr gegen Flüchtlinge und Migrant_innen mit ersten Pilotprojekten zur Sicherung der Außengrenzen der Europäischen Union zu Land und zu Wasser. Seitdem riegelt Frontex mit militärischen Mitteln die Grenzen ab und koordiniert die Abschiebungen mittels Charterflügen. Nur Gott weiß, wie viele Menschen dabei umgekommen sind.

Die bittere Ironie dieser Geschichte : es sind gerade die industrialisierten Länder mit ihrer totbringenden Sicherungs- und Deportationsmaschinerie, die den von ihnen als 'Dritte Welt' bezeichneten Ländern Demokratie predigen und dabei vergessen, dass es keine Demokratie ohne globale Bewegungsfreiheit geben kann.

 

Zum Schluss komme ich nochmal auf das zurück, was sich seit zwei Jahren hier in Deutschland entwickelt: die verfolgten und diskriminierten Flüchtlinge haben begonnen massiv Widerstand zu leisten. Während frühere Flüchtlingsproteste selten den Weg in die Medien fanden, kann die Öffentlichkeit seit dem Marsch von Würzburg nach Berlin im Jahr 2012 über die zahllosen Aktionen der Flüchtlinge nicht mehr hinwegsehen. Wir lassen uns nicht mehr in die Stille zurückdrängen und ausgrenzen.

Im Sinne dieses Widerstands und im Namen aller Kinder, Frauen und Männer, die gelitten haben und gezwungen sind weiter zu leiden, möchte ich mich bei den Initiatoren des HAUSES DER 28 TÜREN und bei allen, die sie dabei unterstützt haben, bedanken. Ich wünsche diesem Projekt viel Erfolg!



Foto: R. Sokol
Foto: R. Sokol