Jens Meinrenken

TALOS UND DAS HAUS DER 28 TÜREN

 

1. Talos – Moderne Verkörperungen eines antiken Mythos

Ein bronzener Riese überwacht die Tore Europas, genannt Talos. Die Bewegung seiner mächtigen Glieder erscheint schwerfällig, doch seine Kraft und Ausdauer sind unerbittlich. Einmal in seine metallischen Fänge geraten, lässt er einen nicht mehr los, angetrieben durch eine unsichtbare Macht in seinem Inneren. Er schüttelt seine Gegner, bis sie am Boden liegen, fliehend, nach Schutz und Heimat suchend. 

Die Geschichte von Talos ist eine griechische Sage, doch ihre Gegenwart lässt sich nicht leugnen. Das alte Europa der Mythen und Legenden ist ein Kontinent der Verbündeten und Grenzen im Hier und Jetzt. Ein Europa, dessen aktuelle Verfasstheit alle Bewohner dieses Staatengefüges angeht, uns an den Kragen packt, finanziell, kulturell und politisch. Wir stehen einer Welt gegenüber, die wir einst selbst aus unserer Mitte geboren haben. Aus dem Geist der Philosophie, aus dem blutigen Grund unserer Mythen, aus der kriegerischen Herrschaft unserer Vorfahren. Doch die Frage bleibt dieselbe: Wie wollen wir als Menschen einer globalen Welt Europa denken? Als Festung, Bollwerk, gegen die Fremden da draußen oder als ein offenes Haus? Die Antwort darauf ist zwiespältig. Zum einen fordern einzelne Politiker im Rahmen der EU eine gemeinsame, verbindliche Lösung, um den Flüchtlingen zu helfen. Zum anderen wächst die Angst vor Überfremdung und Überschuldung. Im Dickicht der Ideologien, Meinungen und ökonomischen Interessen droht die Humanität ihre eigentliche zivilisatorische Kraft und Stärke zu verlieren.

 

BEWEGUNG NURR, "European Black Flag" (Detail), 2014, Installation, Studio 1/ Kunstquartier Bethanien, Berlin (Foto: R. Sokol)
BEWEGUNG NURR, "European Black Flag" (Detail), 2014, Installation, Studio 1/ Kunstquartier Bethanien, Berlin (Foto: R. Sokol)

Werfen wir einen Blick zurück auf Talos. Es gehört zu den gängigen kulturellen Verfahren unserer Zeit neue Technologien mit alten, geschichtsträchtigen Namen zu schmücken. Im Echo der Historie verbreitet sich so kultureller Schrecken, gepaart mit einer großen Faszination für das wissenschaftlich Denk- und Machbare. Talos ist da keine Ausnahme. Seinen wohl prominentesten Auftritt hat er 1963 in dem Spielfilm Jason und die Argonauten von Don Chaffey. Vieles von der einleitenden Beschreibung verdankt sich der besonderen Inszenierung des Riesen durch den Trickfilmpionier Ray Harryhausen. Mittels einer ausgeklügelten Stop-and-Motion-Technik schafft es Harryhausen seiner Version des Talos eine spezifisch motorische Lebendigkeit zu verleihen. Darüber hinaus verschmilzt er dessen Erscheinung mit der Gestalt des Koloss von Rhodos, einem der sieben antiken Weltwunder, und verstärkt damit dessen Funktion als Wächter. Talos wird in dem Film als eine mächtige Bestie präsentiert, die den Zuschauer visuell in den Bann zieht. Nur mühsam kann man sich der körperlichen Masse des Automaten entziehen, um die Augen auf die eigentliche Handlung zu richten: Jasons Suche nach dem Goldene Vlies mit dem Ziel Frieden unter die Völker der Welt zu bringen. Die Herrschaft der Götter erscheint als grausam, der freie Wille gelenkt durch eine unsichtbare Macht. Jason kämpft gleich Spartakus gegen die Unterdrückung durch zu große und einflussreiche Autoritäten. Das hier anvisierte Sprachspiel von Automat und Autorität ist bewusst gesetzt. Es geht um die Verselbständigung des Schutzes vor dem Anderen und Fremden. Dass wir dabei neue Apparaturen entwickeln, die wie Roboter agieren oder uns selbst als Mensch maschinisieren, gehört zu den elementaren Bestandteilen dieses sozialen Entfremdungsprozesses. Die Hierarchie der Überwachung verschiebt sich immer mehr in Richtung (para-) militärischer Entwicklungen und einer Allmacht des künstlichen Auges. Talos wird zum Programm, zum Fahrzeug, zur Kamera.

 

Fakt ist, dass wir das Thema der Überwachung und des Schutzes von Eigentum und Grenzen immer stärker industralisieren. Das Schüren von Bedrohungsszenarien ist fundamental an die Macht und Vermehrung des Kapitals in bestimmten sozialen Schichten geknüpft. Die schwierige Frage danach, wie viel der Mensch kostet, ist eng mit der Frage verknüpft, wie teuer es ist, sich vor anderen Menschen effektiv zu schützen oder abzugrenzen. Egal ob die Bedrohung real oder imaginär ist. Alltägliche Begriffe wie Haus, Tür, Grundstück und Grenze sind Ausdruck einer zunehmenden Behausung und landschaftlichen Einfassung. Wer sich einmal mit der etymologischen Herkunft des Begriffs Landschaft beschäftigt hat, weiß, wie sich bereits sehr früh dessen ursprüngliche Beschreibung eines freien Landes in die Benennung eines Staatsgebiets gewandelt hat. Grenzen schützen eine persönliche wie auch nationale Identität. Doch wann werden ursprünglich durchlässige Grenzen zur Mauer, zu einem scheinbar unüberwindbaren Hindernis für hilfsbedürftige Menschen und Flüchtlinge?

 

Während der Auftaktveranstaltung zum HAUS DER 28 TÜREN präsentierte die Künstlergruppe BEWEGUNG NURR ein Video, das die neueste Version von Talos zeigt. Ausgangsmaterial ist ein rund zweieinhalbminütiger Film, in dem ein neues, automatisiertes System zum Schutz der EU-Grenzen vorgestellt wird. TALOS steht hierbei als englische Abkürzung für Transportable autonomous patrol for land border surveillance. Das unbemannte Fahrzeug, mit Sensoren zum Aufspüren von Menschen ausgestattet, wirkt dabei wie eine Mischung aus Panzer und Mars-Rover – ein hochtechnisiertes Vehikel auf der Suche nach fremden Leben. Die neu geschnittene und visuell verfremdete Version des Films verstärkt die dystopische Aussage des Originals. Auf eine Länge von rund sechseinhalb Minuten gedehnt, ist das Video der Künstlergruppe BEWEGUNG NURR in ein tiefes Schwarz-Weiß getaucht. Die Farben weichen einer permanenten Dunkelheit, die durch die Invertierung der Licht- und Dunkelwerte eine apokalyptische Dimension entfaltet. Schwarze Sonne und schwarzer Himmel verschmelzen gewissermaßen zu einem opaken Bild. Das Licht wird dabei zum Mittel der Überblendung, zum Ausdruck einer drohenden zivilisatorischen Katastrophe. Die Gesichter und Körper der dargestellten Menschen können sich dieser Strahlung nicht entziehen. Sich wiederholende Störbilder (u.a. mit dem Schriftzug TALOS) attackieren visuell die Netzhaut des Betrachters, suggerieren ein Komplott aus Bedeutungen und Querverweisen. Der bereits in der Vorlage fehlende Kommentar und die Dominanz der musikalischen Tonspur verhindern eine direkte räumliche und zeitliche Zuordnung. Allein die kartographischen Details im Film und Video verdeutlichen die territoriale Funktion des gezeigten Fahrzeugs. Talos, der bronzene Riese, erhält hier im wahrsten Sinne des Wortes ein neues, stählernes Gewand. Mittels seiner detektivischen Bewegung markiert er die zu überwachende Grenze, macht sie als Punkt und Linie, als grade gezogene Spur, für den Zuschauer sichtbar.

 

 

2. Das HAUS DER 28 TÜREN als Modell für Europa

Mobilität und die Einschränkung dessen ist auch das Thema vom HAUS DER 28 TÜREN. Auf einer Kreisfläche von cirka 57 m Durchmesser und einer Gesamthöhe von rund 3 m bietet es ein kompaktes Modell des momentanen europäischen Staatenverbundes. Gefertigt aus alltäglichem und zum Teil kostengünstigem Material (Plastik, Holz, Metall) spielt es mit den idealen Proportionen einer hierarchisch zentrierten Architektur. Eine weitere Besonderheit des Gebäudes ist sein faltbares Dach aus einer transparenten Folie, dessen Spitze mit einer europäischen Flagge in Schwarz gekrönt ist. Die Bandbreite der kunsthistorischen Assoziationen reicht dabei vom sakralen Rundbau bis zum Kontrollturm eines Flughafens, wobei der letzte Verweis durch die temporäre Platzierung des Gebäudes auf dem Tempelhofer Feld eine zusätzliche Konnotation erfährt.

Nun mögen beide Vergleiche die symbolische Fallhöhe zum HAUS DER 28 TÜREN übersehen, dennoch entwickeln sie gerade aus ihrer jeweiligen historischen Perspektive ein wichtiges Spektrum an möglichen Bedeutungen. Denn weit mehr als es die im Bauantrag verwendete Bezeichnung als Ausstellungspavillon benennen kann, ist das HAUS DER 28 TÜREN eine alte und zugleich neue Architektur. Eine, die auf das Notwendigste reduziert ist und eine, die das Außen in seinem Inneren konzentriert – eine eigene Mitte der Begegnung schafft. Die während der Ausstellungsdauer gezeigten Videos und absolvierten Veranstaltungen  beweisen einmal mehr, dass Mensch und Haus nur in Koexistenz ihr humanes Potential demonstrieren können.

 

Dass der Zentralbau bereits sehr früh verwendet wurde, um nicht nur die kirchliche sondern auch die weltliche Macht an einem Ort zu versammeln, gehört zu den Grundfesten der deutschen Geschichte. Sicherlich ließe sich mit dem gleichen Recht über die Bedeutung von einfachen Rundbauten in Form von Hütten usw. für die menschliche Zivilisationsgeschichte sprechen, aber der auf dem ersten Blick unstatthafte Vergleich mit den großen Architekturen der Kunstgeschichte erscheint an dieser Stelle plausibler. Den wichtigsten Zentralbau unserer deutschen Vorfahren stellt die Aachener Pfalzkapelle dar, dessen karolingischen Kern am Ende des 8. Jahrhunderts errichtet wurde. Der Rückgriff auf byzantinische Vorbilder aus Rom und Konstantinopel muss dabei als grundlegender Kultur- und Wissenstransfer begriffen werden. Die äußerst kostbaren Materialien der Pfalzkapelle sind nicht nur Ausdruck des kaiserlichen Anspruchs von Karl dem Großen, sie verweisen in einem größeren Kontext auf den intellektuellen Reichtum durch die Einbettung wissenschaftlicher Kenntnisse aus fremden und fernen Ländern.

 

Darüber hinaus spielt die Grundidee eines architektonischen Vielecks im europäischen Festungsbau als sogenanntes Polygonalsystem eine zentrale Rolle. Mit der Gründung des Deutschen Bundes im Jahr 1815 sollte sich diese Bauweise als bestimmende Form über die Grenzen des Reiches ausbreiten. Dass in dem Zusammenhang von einer neupreußischen oder neudeutschen Befestigungsmanier die Rede ist, zeigt das enge Zusammendenken von nationalen Sicherungsfragen mit dem Thema der Landesgrenze(n). Zahlreiche Belagerungs- und Festungsspiele greifen in ihrer Brettgestaltung dieses System wieder auf und schaffen so ein Bild des Krieges en miniature. Von hier ist es zu den aktuellen Formaten im Bereich der Computerspiele nicht mehr weit. Polygonale Wabenstrukturen finden sich sowohl auf den älteren Brettspielvarianten wie auch in den aktuellen interaktiven Versionen. Wie heißt es einleitend in den Produktinformationen zur PC-Adaption von Empires In Arms (2007): „He who controls Europe, controls the world…“.

 

Aus dem Fokus der Kunst- und Kulturgeschichte ist das HAUS DER 28 TÜREN eine formal und funktional hoch bedeutsame Architektur. Die dauerhafte Aufstellung auf dem Oranienplatz setzt dessen kommunikative Rolle fort, öffnet sich weiteren Ideen und Projekten. Zugleich erinnert es uns an die Problematik der aktuellen Situation: Neben der Hilfe des Einzelnen brauchen wir in Europa dringend sozial- und ökonomisch übergreifende Konzepte des menschlichen Handelns. Jede Form der automatisierten Überwachung delegiert dagegen die persönliche Verantwortung an eine moralisch vieldeutige Herrschaft der Maschinen. Es ist Zeit für eine andere, neuartige Figur des Talos, die das HAUS DER 28 TÜREN beschützt. Ein Riese, der seine Gunst in die Hände der Menschen legt, egal welcher Hautfarbe oder Herkunft sie sind. Denn die europäische Idee als ein moderner Ausdruck des französischen Wahlspruchs von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit ist dringend renovierungsbedürftig. Andernfalls werden weiter von Flüchtlingen überladene Boote an den Ufern des Mittelmeeres zerschellen oder auf hoher See versinken. Vielleicht hilft der hier vollzogene Rückblick in die eigene Kunstgeschichte, die ehemals enge Beziehung von Kultur und Humanität wieder stärker zusammenzudenken. Denn das Fremde war schon immer Teil der eigenen Identität und umgekehrt.