„Kunst ist dadurch politisch, dass sie einen bestimmten Raum und eine bestimmte Zeit aufteilt, […] eine Veränderung der Beziehung zwischen den Formen des Sinnlichen und den Regimen der Bedeutungszuweisung ermöglicht.“ (1)

 

René Hammerstein

KONSTRUKTION EINES DISSENS

 

Die Installation der Künstlergruppe BEWEGUNG NURR zeigt uns den Staatenverbund der Europäische Union sinnbildlich als ein Haus mit 28 Türen über dem eine schwarze Europa Flagge weht. Es wird hier der Vorwurf der „Festung Europa“ thematisiert und zugleich die Frage nach der Vorstellung einer gesellschaftsverändernden Kunst gestellt: für wen ist welche Tür geöffnet und für wen bleibt sie verschlossen?

Jedes Jahr verlieren tausende Menschen auf der Flucht vor Krieg, Elend und Terror in ihren Heimatländern, in der Hoffnung auf ein besseres Leben, auf dem Weg nach Europa ihr Leben. Mainstream-Medien haben den Konflikt zwar auch im Fokus, und trotzdem ist es ein „unterbelichteter“ Zusammenhang, da es meist keine differenzierende Betrachtung und Kontextualisierung der verschiedenen Migrationsbewegungen, ihrer Ursachen und der poltisch-historischen Verantwortung von EU Mitgliedsstaaten gibt.

Was aber mag die Bildende Kunst in diesem Konflikt auszurichten? Die sogenannte kritische Kunst unterliegt meist einem Irrtum. Sie glaubt, die vermeintliche Gleichgültigkeit des Zuschauers in anteilnehmendes Handeln umwandeln zu können und hofft gar durch die künstlerische Spiegelung gesellschaftlicher Missstände, zum besseren Verständnis bis hin zur Beseitigung dieser Missstände beitragen zu können.

Wie ist aber diese Idee zustande gekommen? Und wieso soll die mit künstlerischen Mitteln erzielte Mobilisierung des Betrachters überhaupt eine angemessene Form der Rezeption sein? Der Philosoph Jacques Rancière bezeichnet diese Auffassung als „das pädagogische Modell der Wirksamkeit der Kunst“ Die BEWEGUNG NURR dreht die in dieser Auffassung liegende Logik systematisch um: Der Zuschauer muss nicht wachgerüttelt und aus seiner vermeintlichen Passivität gerissen werden, da die Wirkung des Hauses der 28 Türen insbesondere in der aufgebauten Distanz und in der im Werk hergestellten Differenz wurzelt.


BEWEGUNG NURRR & Robert Sokol, "Immer die gleichen Bilder", 2013
BEWEGUNG NURRR & Robert Sokol, "Immer die gleichen Bilder", 2013

Bei der ursprünglichen Bedeutung des Wortes „Kritik“ geht es um den Vorgang der Unterscheidung und Trennung. „Eine kritische Kunst ist eine Kunst, die weiß, dass ihre politische Wirkung sich durch die ästhetische Distanz vollzieht“ (Jacques Rancière). Diesen Zusammenhang will die BEWEGUNG NURR beleuchten und übersetzt ihn auf das auf Unterscheidung und Trennung orientierte System „Festung Europa“ in Form einer begehbaren Installation.

Die „Emanzipation“ des Besuchers wird im „Haus der 28 Türen“ deshalb nicht durch didaktische Aufklärung oder das bloße Abbilden von Missständen erreicht, sondern durch die Konstruktion eines Dissens. Es geht somit um die Wahrnehmung von Brüchen und Differenzen, deren Wirkung nicht bereits durch die Autorität des Künstlers oder dessen Botschaften kanalisiert worden ist.

 

1) Jacques Rancière: Die Aufteilung des Sinnlichen. Die Politik der Kunst und ihre Paradoxien. Berlin: b_books 2008. S.77

BEWEGUNG NURR, "European Black Flag" (Detail), 2014, Installation, Studio 1/ Kunstquartier Bethanien, Berlin (Foto: R. Sokol)
BEWEGUNG NURR, "European Black Flag" (Detail), 2014, Installation, Studio 1/ Kunstquartier Bethanien, Berlin (Foto: R. Sokol)